ntlichen Erzählers, denn diese Geschichte ist ja eine doppelt gestaffelte Erzählung, eine doppelt distanzierte Begegnung mit praller Wirklichkeit, mit dieser Wirklichkeit, in welcher Logik, immerhin mögliche Logik am Zufall zuschanden wird, und wo - gestalthaft ausgeprägt - aus einem haltungsvollen Genie ein trauriges, versoffenes Wrack wird, dem nur ein unermeßlicher Glaube geblieben ist. Eine echt tragische Figur. Denn der Mensch muß denken, das ist ein eingeborenes Gesetz, und wenn Gott - oder der Zufall - anders lenkt, so ist das keine Aufforderung an den Menschen, sein eingeborenes Gesetz zu verraten. Schuldlos schuldig wird der Denkende, tragisch. Auf dem Umweg der Ernstnahme des Zufalls, des Absurden, "welches sich notwendigerweise immer deutlicher und mächtiger zeigt ", in dieser Haltung, die dieses Absurde "demütig in unser Denken einkalkuliert", auf solche Weise also entdeckt Dürrenmatt das, was er unserer Zeit meistens abspricht, die wahre Tragödie. Ob in ihr der heldische Held agiere, das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob es den Menschen noch gebe, der sich dem tragischen Konflikt auszusetzen wagt. Das - die Theorie - ist nun aber einer dichten epischen Wirklichkeit eingewoben. Vielleicht nirgends anders ist Dürrenmatts Erzählen so fugenlos, obwohl er seinem Stil nicht abgeschworen hat. Auch hier frönt er der Parataxe, der höchstmöglichen Verknappung, die beispielsweise die Verbindungspartikel mit Vorliebe ausmerzt, auch hier sind ganze Abschnitte nach Art von Regieanweisungen des Satzzusammenhangs enthoben. Auch hier gibt es die sprunghafte Folgerung, und vor allem die sprechende Pause. Großartig ist die Verschwiegenheit des Dichters vor dem ermordeten Kind. "... umgaben kurz darauf den kleinen Leichnam, den sie zwischen Büschen, nicht weit vom Waldrand entfernt, im Laub fanden", heißt es. Dann kommt immer wieder das Motiv "hinschauen", "wegblicken", "hinstarren ". Die entsetzliche Wirklichkeit wird gleichsam von gebannten oder fliehenden Blicken eingekreist. Nicht anders stellt etwa ein strenger Klassiker den Mord auf der Bühne dar: indem er ihn eben nicht zeigt, sondern nur seine Spiegelung in denen, die er entsetzt. In solchem zeigt sich wieder einmal jene bestürzende Reinheit, die diesem Dichter immer wieder gegeben ist und die so gern übersehen wird. Eine Reinheit, die wohl in verborgener Verbindung steht mit der unausrottbaren Kindlichkeit, die auch immer wieder durchhallt durch dieses vielschichtige Schaffen. Nicht das ist damit gemeint, daß sich in diesem Roman eine echte Verbundenheit mit dem Kind und seiner unverwechselbaren Existenz zeigt, etwa in dem Gespräch zwischen Ursula und Matthäi -, ganz unsentimental, denn sonst könnte auch nicht jene Exasperation so scharf gezeichnet werden, die die Erwachsenen vor der unzugänglichen Märchenwelt des Kindes überkommt, jene Wut vor dem Singsang der auf den Mörder wartenden Annemarie und auch nicht jene andere, unvergeßliche Stelle: "Das Mädchen ließ unser Toben stumm über sich ergehen, eine Ewigkeit lang, wenn auch alles sicher nur wenige Sekunden dauerte, schrie dann aber mit einem Male mit einer so unheimlichen und unmenschlichen Stimme auf, daß wir erstarrten. ,Du lügst, du lügst, du lügst!` Wir ließen es entsetzt fahren, durch sein Gebrüll wieder zur Vernunft gekommen und von Grauen und Scham über unser Vorgehen erfüllt ..." Das Märchen spielt überhaupt stark in diese Geschichte hinein: wie Rotkäppchen war das ermordete Gritli Moser mit seinem Körbchen auf dem Weg zur Großmutter, kein rotes Käppchen, wohl aber ein rotes Röcklein trug es, wie alle Opfer des "Igelriesen". Es ist dem Bösen verfallen, weil es in ihm eine Märchengestalt witterte, der Mörder hat sich ja mit diesem Nimbus absichtlich umgeben. Matthäi andererseits arbeitet auch mit Märchen, er erzählt seinem Lockvogel Annemarie stundenlang Märchen, um das Kind in der Nähe zu behalten, und endlich, in der grauenvollen Schlußwendung des Romans, in der Erzählung der sterbenden Frau Schrott, der Frau des Mörders, heißt es : "... es war nun wirklich, als erzählte sie zwei Kindern ein Märchen, in dem ja auch das Böse und das Absurde geschieht als etwas ebenso Wunderbares wie das Gute..." Aber das ist nur eine und erst noch eine eher vexborgene Strähne des Geflechts, das zugleich entschieden und behutsam zusammengegriffen ist. Man müßte eigentlich Szene um Szene zitieren: die Erzählung des Hausierers mit ihren so wahrhaftigen und so verdächtigen Zufällen, das Gespräch zwischen Kommissär und Psychiater - "Löcher, lassen Sie nun Ihre Faxen mit Mann und Mensch und dalli und so weiter" -, die Szene mit der drohenden Lynchjustiz draußen auf dem Dorf, die Szene, da Matthäi den Mord Gritlis Eltern mitteilt und der Mutter bei seiner Seligkeit versprechen muß, den Mörder zu finden (das Titelmotiv), und Seligkeit ist hier Seligkeit, wie der Teufel der Teufel ist, diese Szene, die endet: "Dann hörte er plötzlich vom Hause her, hinter sich, einen Schrei wie von einem Tier. Er beschleunigte seinen Schritt und wußte nicht, ob es der Mann oder die Frau war, das so weinte. " ,Das` so weinte. Ein Neutrum gefügt aus Mann und Frau. Neugeburt eines Wortes. So wie wenn es heißt: "Wenn ich so die Photographien von diesem Mord betrachte, wünsche ich ihn zum Teufel. " Und endlich die Erzählung der alten Frau mit ihrer grausigen Verwirrung, ihren fast unerträglichen Verzögerungen, ganz aus der Dämonie des Alters heraus gestaltet wie das Quartett der Alten in der Panne: " ... ihr kleiner Greisenkopf mit den sch
ntlichen Erzählers, denn diese Geschichte ist ja eine doppelt gestaffelte Erzählung, eine doppelt distanzierte Begegnung mit praller Wirklichkeit, mit dieser Wirklichkeit, in welcher Logik, immerhin mögliche Logik am Zufall zuschanden wird, und wo - gestalthaft ausgeprägt - aus einem haltungsvollen Genie ein trauriges, versoffenes Wrack wird, dem nur ein unermeßlicher Glaube geblieben ist. Eine echt tragische Figur. Denn der Mensch muß denken, das ist ein eingeborenes Gesetz, und wenn Gott - oder der Zufall - anders lenkt, so ist das keine Aufforderung an den Menschen, sein eingeborenes Gesetz zu verraten. Schuldlos schuldig wird der Denkende, tragisch. Auf dem Umweg der Ernstnahme des Zufalls, des Absurden, "welches sich notwendigerweise immer deutlicher und mächtiger zeigt ", in dieser Haltung, die dieses Absurde "demütig in unser Denken einkalkuliert", auf solche Weise also entdeckt Dürrenmatt das, was er unserer Zeit meistens abspricht, die wahre Tragödie. Ob in ihr der heldische Held agiere, das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob es den Menschen noch gebe, der sich dem tragischen Konflikt auszusetzen wagt. Das - die Theorie - ist nun aber einer dichten epischen Wirklichkeit eingewoben. Vielleicht nirgends anders ist Dürrenmatts Erzählen so fugenlos, obwohl er seinem Stil nicht abgeschworen hat. Auch hier frönt er der Parataxe, der höchstmöglichen Verknappung, die beispielsweise die Verbindungspartikel mit Vorliebe ausmerzt, auch hier sind ganze Abschnitte nach Art von Regieanweisungen des Satzzusammenhangs enthoben. Auch hier gibt es die sprunghafte Folgerung, und vor allem die sprechende Pause. Großartig ist die Verschwiegenheit des Dichters vor dem ermordeten Kind. "... umgaben kurz darauf den kleinen Leichnam, den sie zwischen Büschen, nicht weit vom Waldrand entfernt, im Laub fanden", heißt es. Dann kommt immer wieder das Motiv "hinschauen", "wegblicken", "hinstarren ". Die entsetzliche Wirklichkeit wird gleichsam von gebannten oder fliehenden Blicken eingekreist. Nicht anders stellt etwa ein strenger Klassiker den Mord auf der Bühne dar: indem er ihn eben nicht zeigt, sondern nur seine Spiegelung in denen, die er entsetzt. In solchem zeigt sich wieder einmal jene bestürzende Reinheit, die diesem Dichter immer wieder gegeben ist und die so gern übersehen wird. Eine Reinheit, die wohl in verborgener Verbindung steht mit der unausrottbaren Kindlichkeit, die auch immer wieder durchhallt durch dieses vielschichtige Schaffen. Nicht das ist damit gemeint, daß sich in diesem Roman eine echte Verbundenheit mit dem Kind und seiner unverwechselbaren Existenz zeigt, etwa in dem Gespräch zwischen Ursula und Matthäi -, ganz unsentimental, denn sonst könnte auch nicht jene Exasperation so scharf gezeichnet werden, die die Erwachsenen vor der unzugänglichen Märchenwelt des Kindes überkommt, jene Wut vor dem Singsang der auf den Mörder wartenden Annemarie und auch nicht jene andere, unvergeßliche Stelle: "Das Mädchen ließ unser Toben stumm über sich ergehen, eine Ewigkeit lang, wenn auch alles sicher nur wenige Sekunden dauerte, schrie dann aber mit einem Male mit einer so unheimlichen und unmenschlichen Stimme auf, daß wir erstarrten. ,Du lügst, du lügst, du lügst!` Wir ließen es entsetzt fahren, durch sein Gebrüll wieder zur Vernunft gekommen und von Grauen und Scham über unser Vorgehen erfüllt ..." Das Märchen spielt überhaupt stark in diese Geschichte hinein: wie Rotkäppchen war das ermordete Gritli Moser mit seinem Körbchen auf dem Weg zur Großmutter, kein rotes Käppchen, wohl aber ein rotes Röcklein trug es, wie alle Opfer des "Igelriesen". Es ist dem Bösen verfallen, weil es in ihm eine Märchengestalt witterte, der Mörder hat sich ja mit diesem Nimbus absichtlich umgeben. Matthäi andererseits arbeitet auch mit Märchen, er erzählt seinem Lockvogel Annemarie stundenlang Märchen, um das Kind in der Nähe zu behalten, und endlich, in der grauenvollen Schlußwendung des Romans, in der Erzählung der sterbenden Frau Schrott, der Frau des Mörders, heißt es : "... es war nun wirklich, als erzählte sie zwei Kindern ein Märchen, in dem ja auch das Böse und das Absurde geschieht als etwas ebenso Wunderbares wie das Gute..." Aber das ist nur eine und erst noch eine eher vexborgene Strähne des Geflechts, das zugleich entschieden und behutsam zusammengegriffen ist. Man müßte eigentlich Szene um Szene zitieren: die Erzählung des Hausierers mit ihren so wahrhaftigen und so verdächtigen Zufällen, das Gespräch zwischen Kommissär und Psychiater - "Löcher, lassen Sie nun Ihre Faxen mit Mann und Mensch und dalli und so weiter" -, die Szene mit der drohenden Lynchjustiz draußen auf dem Dorf, die Szene, da Matthäi den Mord Gritlis Eltern mitteilt und der Mutter bei seiner Seligkeit versprechen muß, den Mörder zu finden (das Titelmotiv), und Seligkeit ist hier Seligkeit, wie der Teufel der Teufel ist, diese Szene, die endet: "Dann hörte er plötzlich vom Hause her, hinter sich, einen Schrei wie von einem Tier. Er beschleunigte seinen Schritt und wußte nicht, ob es der Mann oder die Frau war, das so weinte. " ,Das` so weinte. Ein Neutrum gefügt aus Mann und Frau. Neugeburt eines Wortes. So wie wenn es heißt: "Wenn ich so die Photographien von diesem Mord betrachte, wünsche ich ihn zum Teufel. " Und endlich die Erzählung der alten Frau mit ihrer grausigen Verwirrung, ihren fast unerträglichen Verzögerungen, ganz aus der Dämonie des Alters heraus gestaltet wie das Quartett der Alten in der Panne: " ... ihr kleiner Greisenkopf mit den schlohweißen Haaren wackelte lebenslustig hin und her, wie irrsinnig vor Freude und Lust über ihren Wutausbruch ..." Dämonisch und dumm, dämonisch dumm, sich verratend in absurden Gedankenverbindungen : " ... mit dem Buiek sei es ja nicht so gefährlich, da müsse er aufmerksam fahren und könne keine Stimme vom Himmel hören ... ", sich verratend in ihrer
"Das Versprechen"

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Rotkäppchen
4-2 4-3
Kapitel 1 Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 2

Kapitel 3 Kapitel 3
Kapitel 4 Kapitel 4
Kapitel 5 Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 6

Kapitel 7 Kapitel 7
Kapitel 8 Kapitel 8
Kapitel 9 Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 10

Kapitel 11 Kapitel 11
Kapitel 12 Kapitel 12